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Ertrag · Machbarkeit · Vorab-Bewertung

Ertragsabschaetzung fuer Windenergieanlagen

Was ist eine Ertragsabschaetzung?

Eine Ertragsabschaetzung ist eine ueberschlaegige Berechnung des erwarteten Jahresenergieertrags (AEP) einer Windenergieanlage (WEA) oder eines Windparks. Sie dient als Vorab-Bewertung, bevor ein formales, bankfaehiges Ertragsgutachten nach FGW TR6 beauftragt wird.

Im Gegensatz zum Ertragsgutachten basiert die Ertragsabschaetzung typischerweise nicht auf einer eigenen standortspezifischen Windmesskampagne, sondern auf bereits verfuegbaren Datenquellen wie Windatlanten, Reanalysedaten oder Betriebsdaten bestehender Anlagen. Die Ergebnisse sind entsprechend mit hoeheren Unsicherheiten behaftet, liefern jedoch in der fruehen Projektphase eine hinreichend belastbare Entscheidungsgrundlage fuer oder gegen eine vertiefte Standortuntersuchung.

Abgrenzung: Ertragsabschaetzung vs. Ertragsgutachten

Beide Instrumente prognostizieren den Energieertrag, unterscheiden sich aber in Methodik, Aufwand und Aussagekraft erheblich:

KriteriumErtragsabschaetzungErtragsgutachten (FGW TR6)
DatengrundlageReanalysedaten (ERA5, MERRA-2), DWD-Windatlas, BetriebsdatenEigene 12-Monats-Messkampagne (LiDAR/Messmast) + Langzeitkorrektur
ModellierungVereinfachte Modelle oder ReferenzertragsverfahrenKalibrierte Stroemungsmodelle (WAsP, CFD) nach TR6-Vorgaben
Unsicherheitca. ±10–20 % (Richtwert)ca. ±5–10 % mit P50/P75/P90-Angabe (DNV, 2024)
Kosten2.000–8.000 EUR50.000–120.000 EUR (TUeV Nord, 2024)
Dauer2–6 Wochen18–24 Monate
BankfaehigkeitNein (Machbarkeit/intern)Ja (Fremdfinanzierung, DSCR-Berechnung)

Die Ertragsabschaetzung ist bewusst als schnellere und kostenguenstigere Alternative konzipiert. Sie ersetzt das formale Gutachten nicht, sondern bereitet die Entscheidung vor, ob ein solches ueberhaupt wirtschaftlich sinnvoll ist.

Methoden der Ertragsabschaetzung

Je nach Datenverfuegbarkeit und Projektphase kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz:

Windindex-Verfahren (BDB-Index)

Der BDB-Windindex (Betreiber-Datenbasis) erfasst die Ertraege von ueber 1.500 Windenergieanlagen in Deutschland und normiert sie auf ein langesjaehriges Mittel (bdb-index.de). Bekannte Produktionsdaten einer bestehenden Anlage werden mit dem aktuellen BDB-Indexwert der Region verknuepft, um auf den Langzeit-Erwartungswert hochzurechnen. Dieses Verfahren eignet sich besonders fuer Repowering-Projekte, bei denen Betriebsdaten der Bestandsanlage vorliegen.

Referenzertragsmodell (EEG)

Das Referenzertragsmodell nach § 36h EEG 2023 definiert einen Referenzstandort (mittlere Windgeschwindigkeit 6,45 m/s in 100 m Hoehe, Rayleigh-Verteilung, Rauhigkeitslaenge 0,1 m). Jeder WEA-Typ erhaelt einen vom Hersteller zertifizierten Referenzertrag. Der tatsaechliche Standortertrag wird als Prozentsatz des Referenzertrags ausgedrueckt («Standortguete»). Dieses Verfahren dient primaer der EEG-Verguetungsberechnung, liefert aber auch eine grobe Ertragsindikation (EEG 2023, § 36h).

Leistungskennlinie + mittlere Windgeschwindigkeit

Das einfachste Verfahren kombiniert die herstellerseitige Leistungskennlinie (Leistung als Funktion der Windgeschwindigkeit) mit einer angenommenen Weibull-Verteilung der Windgeschwindigkeit am Standort. Die Integration ueber alle Windgeschwindigkeitsklassen ergibt den Brutto-Jahresertrag. Abzuege fuer Verfuegbarkeit, Abschaltungen und Netzverluste werden pauschal angesetzt (typisch 5–15 %). Die Methode ist transparent und schnell, aber stark abhaengig von der Qualitaet der Eingangs-Windgeschwindigkeit.

Datenquellen

Die Qualitaet einer Ertragsabschaetzung steht und faellt mit den verwendeten Winddaten. Gaengige Quellen sind:

  • DWD-Windatlas – Der Deutsche Wetterdienst veroeffentlicht Windkarten fuer Deutschland (mittlere Windgeschwindigkeit in verschiedenen Hoehen, raeumliche Aufloesung ca. 200 m).
  • ERA5 (ECMWF) – Globaler Reanalysedatensatz des European Centre for Medium-Range Weather Forecasts. Stundenwerte ab 1940, raeumliche Aufloesung ca. 31 km. Internationaler Standard fuer Langzeitkorrekturen.
  • MERRA-2 (NASA) – Vergleichbarer Reanalysedatensatz der NASA, haeufig als zweiter unabhaengiger Datensatz zur Kreuzvalidierung eingesetzt.
  • BDB-Windindex – Aggregierte Betriebsdaten deutscher WEA (bdb-index.de), geeignet fuer regionale Langzeitkorrekturen.
  • Betriebsdaten bestehender Anlagen – Bei Repowering: reale SCADA-Produktionsdaten der Bestandsanlage liefern die zuverlaessigste Standort-Charakterisierung.

Typische Einsatzbereiche

Eine Ertragsabschaetzung wird eingesetzt, wenn eine belastbare Ertragsindikation benoetigt wird, ohne den Zeit- und Kostenaufwand eines formalen Gutachtens:

  • Machbarkeitsstudien – Erste Bewertung, ob ein Standort grundsaetzlich fuer die Windenergienutzung geeignet ist.
  • Flaechensicherung – Grundlage fuer Pachtverhandlungen mit Grundstueckseigentuemern, bevor die Projektentwicklung formal startet.
  • Vorab-Wirtschaftlichkeit – Quick-Check fuer interne Investitionsentscheidung (IRR, LCOE-Schaetzung) mit den Repowering-Ertragsrechner- und LCOE-Tools.
  • Repowering-Vorbewertung – Vergleich von Alt- und Neuanlage auf Basis bestehender Betriebsdaten, um das Ertragssteigerungspotenzial abzuschaetzen.
  • Ausschreibungs-Vorbereitung – Grobe Ertragsindikation zur Kalkulation des Gebotspreises vor einer EEG-Ausschreibung.

Genauigkeit und Grenzen

Die Genauigkeit einer Ertragsabschaetzung liegt typischerweise bei ±10–20 % (Richtwert, abhaengig von Methodik und Datenqualitaet). Zum Vergleich: Ein formales Ertragsgutachten nach FGW TR6 mit eigener Messkampagne erreicht typischerweise ±5–10 % Gesamtunsicherheit (DNV, 2024).

Die hoehere Unsicherheit der Abschaetzung ergibt sich aus:

  • Fehlender Standortmessung – Reanalysedaten haben eine raeumliche Aufloesung von 25–30 km und koennen lokale Gelaendeeffekte (Hangbeschleunigung, Duesen) nicht abbilden.
  • Vereinfachte Verlustmodellierung – Pauschale Abzuege statt standortspezifischer Berechnung (Wake, Eisansatz, Schallreduzierung).
  • Keine formale Unsicherheitsanalyse – P-Werte (P50/P75/P90) werden nicht oder nur naeherungsweise ausgewiesen.

Fuer endgueltige Investitions- und Finanzierungsentscheidungen ist deshalb stets ein bankfaehiges Ertragsgutachten nach FGW TR6 erforderlich.

Haeufige Fragen (FAQ)

Was kostet eine Ertragsabschaetzung?

Eine ueberschlaegige Ertragsabschaetzung auf Basis vorhandener Winddaten (Reanalysedaten, DWD-Windatlas) kostet typischerweise zwischen 2.000 und 8.000 EUR. Der Preis haengt vom Detailgrad und der Anzahl der untersuchten Standorte ab. Ein vollstaendiges FGW-TR6-Gutachten liegt dagegen bei 50.000–120.000 EUR (TUeV Nord, 2024).

Reicht eine Ertragsabschaetzung fuer die Bankfinanzierung?

Nein. Fuer die Projektfinanzierung verlangen Kreditinstitute ein bankfaehiges Ertragsgutachten nach FGW TR6 mit P50/P90-Werten und formaler Unsicherheitsanalyse. Die Ertragsabschaetzung dient ausschliesslich der internen Entscheidungsfindung – Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit, Standortvergleich – und ist der typische erste Schritt, bevor ein formales Gutachten beauftragt wird (DNV, 2024).

Welche Genauigkeit hat eine Ertragsabschaetzung?

Die typische Genauigkeit liegt bei ±10–20 %, abhaengig von Datenqualitaet und Methodik. Ein formales Ertragsgutachten nach FGW TR6 erreicht dagegen ±5–10 % durch standortspezifische Windmessung und kalibrierte Modellierung. Die hoehere Bandbreite der Abschaetzung ist der Preis fuer den deutlich geringeren Zeit- und Kostenaufwand.

Welche Datenquellen werden verwendet?

Gaengige Datenquellen sind: der DWD-Windatlas, globale Reanalysedaten wie ERA5 (ECMWF) und MERRA-2 (NASA), der BDB-Windindex fuer Langzeitkorrekturen sowie Betriebsdaten bestehender Anlagen. Ergaenzend kommen Leistungskennlinien der Hersteller zum Einsatz.

Ertragsabschaetzung vs. Ertragsgutachten FGW TR6: Abschaetzung mit Reanalysedaten (ERA5, MERRA-2), Unsicherheit plus/minus 10-20 Prozent, Kosten 2.000-8.000 EUR, Dauer 2-6 Wochen, nicht bankfaehig. Ertragsgutachten mit eigener 12-Monats-Messkampagne, plus/minus 5-10 Prozent P50/P75/P90, 50.000-120.000 EUR, 18-24 Monate, bankfaehig. 3 Methoden: BDB-Windindex, Referenzertragsmodell EEG, Leistungskennlinie Weibull

Ertragsabschätzung vs. Ertragsgutachten – Methoden, Kosten und Genauigkeit

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