Tötet ein Windrad viele Vögel?
Kurz gesagt: Ja, an Windrädern verunglücken Vögel — im Mittel etwa 10–15 pro Anlage und Jahr, überwiegend häufige Arten. Gemessen an anderen Todesursachen ist das eine kleine Zahl. Das eigentliche Problem ist nicht die Masse, sondern das Risiko für einzelne seltene, kollisionsgefährdete Arten wie den Rotmilan. Genau dafür gibt es Erfassung, Abstandsregeln und Abschaltsysteme.
Die Zahlen im Verhältnis
Die bundesweite Studie PROGRESS hat Kollisionen systematisch erfasst. Hochgerechnet liegt die Größenordnung bei rund einem Dutzend Kollisionsopfern je Anlage und Jahr. Das klingt nach viel, relativiert sich aber im Vergleich mit anderen vom Menschen verursachten Vogelverlusten:
| Todesursache (Deutschland, grobe Größenordnung) | Vögel/Jahr |
|---|---|
| Glasscheiben / Fensterkollisionen | ~100–115 Mio. |
| Hauskatzen | zweistellige Millionen |
| Straßenverkehr | ~70 Mio. |
| Stromleitungen | ~2,8 Mio. |
| Windenergieanlagen | ~100.000–200.000 |
Der Anteil der Windenergie an den Gesamtverlusten ist also gering. Naturschutzfachlich zählt aber nicht nur die absolute Zahl, sondern die Wirkung auf die Population einer Art.
Warum einzelne Arten trotzdem ein Problem sind
Bei häufigen Arten fällt der Verlust einzelner Tiere kaum ins Gewicht. Bei seltenen, langlebigen Arten mit niedriger Nachwuchsrate kann schon der Tod weniger Brutpaare die lokale Population gefährden. Besonders betroffen sind Greif- und Großvögel, die im Suchflug nach unten schauen und die Rotorblätter schlecht wahrnehmen:
- Rotmilan — Deutschland trägt für ihn eine besondere Verantwortung (über die Hälfte des Weltbestands brütet hier)
- Seeadler, Wiesenweihe, Rohrweihe
- Mäusebussard — häufig, aber das häufigste Kollisionsopfer unter den Greifvögeln
- Weißstorch sowie ziehende Großvögel
Wie der Artenschutz das im Verfahren regelt
Im Genehmigungsverfahren ist eine avifaunistische Erfassung (Brutvogel- und Rastvogelkartierung) Pflicht. Sie klärt, welche kollisionsgefährdeten Arten im Umfeld brüten. Seit der Novelle 2022 gibt § 45b BNatSchG dafür bundeseinheitliche Nahbereiche und Prüfbereiche je Art vor — das ersetzt die früher uneinheitlichen Länderregeln.
Reicht der Abstand zum Nest nicht aus, kommen Vermeidungsmaßnahmen zum Einsatz, bevor ein Standort abgelehnt wird.
Antikollisionssysteme: Abschalten statt Verhindern
Moderne Technik erkennt anfliegende Großvögel und schaltet die Anlage kurzzeitig ab:
- Kamerasysteme (z. B. IdentiFlight, BirdVision): erkennen Greifvögel auf mehrere hundert Meter und lösen eine bedarfsgesteuerte Abschaltung aus
- Phänologische Abschaltung: feste Stillstandszeiten während Ernte/Mahd, wenn Greifvögel auf der Fläche jagen
- Habitat-Lenkung: Ablenkflächen abseits der Anlage attraktiver machen
Der Ertragsverlust durch solche Abschaltungen ist meist gering (oft im niedrigen einstelligen Prozentbereich) und macht sonst nicht genehmigungsfähige Standorte möglich.
Häufige Fragen
Drehen sich moderne Windräder langsamer und sind dadurch sicherer?
Die Drehzahl moderner Großanlagen ist niedriger als bei alten Kleinanlagen — die Blattspitzen sind aber schneller. Entscheidend für das Risiko ist weniger die Drehzahl als die Standortwahl (Abstand zu Brutplätzen) und die Abschalttechnik.
Sterben auch Fledermäuse an Windrädern?
Ja, Fledermäuse sind sogar stärker betroffen als Vögel. Sie werden über eine eigene Fledermaus-Erfassung und windgeschwindigkeitsabhängige Abschaltungen geschützt.
Kann ein Standort wegen eines Rotmilans komplett abgelehnt werden?
Ja, wenn das Tötungsrisiko trotz Vermeidungsmaßnahmen „signifikant erhöht" bleibt. § 45b BNatSchG hat die Bewertung aber standardisiert und Zumutbarkeitsgrenzen für Abschaltungen eingeführt, sodass mehr Standorte genehmigungsfähig werden.